Heft I · Mai 2026

HALTUNG Magazin für Yoga, Bewegung und Praxis
← Heft 21. Mai 2026
Bibliothek · 15 min

Mark Singletons „Yoga Body", wieder gelesen — wie modern ist modernes Yoga?

Mark Singletons These — modernes Posture-Yoga ist eine Synthese aus indischer Reformbewegung, europäischer Gymnastik und Nationalismus, nicht eine direkte Linie zu antiken Quellen — fünfzehn Jahre später noch einmal gelesen.

Aufgeschlagenes Sachbuch auf einer Holzbank neben einer Tasse Tee und einer gefalteten Wolldecke im weichen Nachmittagslicht.
— Aufgeschlagenes Sachbuch auf einer Holzbank neben einer Tasse Tee und einer gefalteten Wolldecke im weichen Nachmittagslicht. —

Es gibt Bücher, die eine Disziplin verändern, und es gibt Bücher, die behaupten, eine Disziplin verändert zu haben, ohne sie tatsächlich verändert zu haben. Mark Singletons Yoga Body. The Origins of Modern Posture Practice (Oxford University Press, 2010) gehört zur ersten Sorte. Es ist seit seinem Erscheinen vor fünfzehn Jahren in der akademischen Yoga-Forschung die wohl meistzitierte Monographie. Es ist außerdem — und das ist das Interessantere — in der westlichen Yoga-Praxis selbst angekommen, in einer abgeschwächten und manchmal verzerrten Form. „Modernes Yoga ist nicht so alt, wie wir denken” — dieser Satz ist heute auch in Yoga-Lehrer-Ausbildungen verbreitet, und sein wichtigster Quelltext ist Singleton.

Anlass für dieses Re-reading ist nicht ein Jubiläum, sondern eine Frage. Wie steht es heute, fünfzehn Jahre nach Erscheinen des Buches und nach einer Welle von Folgepublikationen — Suzanne Newcombe, Anya Foxen, Andrea Jain, James Mallinson, Mark Singleton selbst in seinem zweiten großen Werk Roots of Yoga (mit Mallinson, 2017) — um Singletons zentrale These? Was hat sich bewährt, was ist nachgeschärft worden, was bleibt umstritten?

Die These

Singletons Argument ist, vereinfacht: Das Posture-Yoga (Yoga, das wesentlich aus Asanas besteht und in modernen Studios praktiziert wird) ist ein Phänomen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Es ist nicht direkt aus dem klassischen Hatha-Yoga des Mittelalters überliefert, und schon gar nicht aus dem klassischen Patañjali-Yoga, in dem Asana nur eine marginale Rolle spielt (Sūtra II.46, eine einzige Erwähnung). Es ist vielmehr eine Synthese — und das ist der entscheidende Punkt — aus drei Strömen:

Erstens, einer Tradition indischer Körperkultur, die im Hatha-Yoga der mittelalterlichen Nātha-Tradition wurzelt, in der frühen Neuzeit aber stark mit Wrestling-Praktiken (kuśtī), militärischer Übung und Ringer-Gymnastik verflochten war. Diese Tradition wurde in der Kolonialzeit unter britischen Bedingungen mit westlichen Augen häufig als verachtenswert oder gar gefährlich gelesen.

Zweitens, einer weltweiten Bewegung zur Körperreform und Gymnastik, die im 19. Jahrhundert in Europa entstand — die Turn­bewegung Friedrich Ludwig Jahns in Deutschland, die schwedische Gymnastik nach Per Henrik Ling, das amerikanische Bodybuilding um Eugen Sandow, die Frauen-Gymnastik nach Bess Mensendieck. Diese transnationale Körperkultur war global mobil; sie erreichte Indien im späten 19. Jahrhundert, wurde dort rezipiert und umgeformt.

Drittens, einem indischen Nationalismus, der ab den 1890er-Jahren eine indigene körperliche Stärke gegen die britische Kolonialmacht propagierte. Figuren wie Bal Gangadhar Tilak, später Sri Aurobindo, und im engeren Yoga-Kontext Tirumalai Krishnamacharya (1888–1989) — der Lehrer von B. K. S. Iyengar, K. Pattabhi Jois, T. K. V. Desikachar und Indra Devi — fügten Yoga-Asana und nationale Reform zu einer Synthese zusammen, die in den 1930er-Jahren am Mysore-Palast unter Maharaja Krishnaraja Wodeyar IV. systematisiert wurde.

Singletons Pointe: Die Sequenzen, die wir heute aus Ashtanga, Vinyasa und Hatha-Yoga kennen, sind im Wesentlichen in den 1920er- und 1930er-Jahren in Mysore entstanden. Sie verarbeiten ältere Hatha-Asanas, aber sie sind auch durchsetzt von Sonnengrüßen (Sūrya-Namaskāra), die in dieser Form vor 1928 nirgendwo dokumentiert sind und vermutlich aus einer Synthese von indischer Tradition und nordindischer Reform-Gymnastik stammen, mit fließenden Sequenzen, die in der klassischen Hatha-Literatur nicht existieren, und mit einer Choreographie, die der modernen Gymnastik nähersteht als der mittelalterlichen Asketenpraxis.

Was sich seit 2010 verschoben hat

Singletons Buch hat zwei Arten von Reaktionen ausgelöst.

Die erste war Anerkennung in der akademischen Welt — bestätigte Belege, ergänzende Forschung, eine ganze neue Generation von Historiker:innen, die das Feld systematisch bearbeiten. Suzanne Newcombe hat 2019 in Yoga in Britain die britische Rezeptions­geschichte rekonstruiert. Anya Foxen hat in Inhaling Spirit (2020) die Rolle weiblicher Yoga-Lehrender im westlichen Yoga des 20. Jahrhunderts aufgearbeitet. Andrea Jain hat in Selling Yoga (2014) und Peace Love Yoga (2020) die Kommerzialisierungs­schichten freigelegt. Und Singleton selbst hat 2017 zusammen mit James Mallinson Roots of Yoga veröffentlicht — eine umfassende Quellensammlung, die zeigt, dass die mittelalterliche Hatha-Tradition deutlich vielfältiger und Asana-reicher war, als Singleton 2010 noch annahm.

Das ist eine wichtige Korrektur. Singleton selbst hat sie öffentlich vorgenommen, in Vorträgen und Interviews seit etwa 2017. Es ist nicht so, dass die mittelalterlichen Hatha-Yogis nur sitzende Asanas kannten — sie kannten ein deutlich breiteres Repertoire, einschließlich stehender Haltungen, Kopf- und Schulterstützen, Sequenzen. Was Singleton 2010 als „post-1900-Erfindung” identifiziert hatte, war in manchen Fällen eine Wieder­entdeckung älteren Materials, das in der textlichen Überlieferung weniger sichtbar gewesen war, weil die zugänglichen Editionen der Hatha-Texte unvollständig oder voreingenommen waren.

Was bleibt, ist trotzdem die Kernthese: Die Komposition des heutigen Posture-Yoga — die spezifische Verbindung von fließenden Sequenzen, Atemkoordination, Sonnengrüßen, Programmatik nach Anfänger:innen-/Fortgeschrittenen-Sequenzen — ist eine Schöpfung des frühen 20. Jahrhunderts. Sie nutzt ältere Materialien, aber die Synthese ist neu.

Die zweite Reaktion war die Aneignung der These in der westlichen Yoga-Studio-Welt, häufig in einer vereinfachten oder verzerrten Form. Manchmal als Anklage: „Yoga, wie wir es kennen, ist erfunden, also weniger wert.” Manchmal als Befreiung: „Yoga ist erfunden, also dürfen wir es weiterhin frei adaptieren.” Beide Lesarten sind, wenn man Singleton tatsächlich gelesen hat, zu einfach. Singleton sagt nicht, dass Yoga falsch oder weniger wert sei. Er sagt, dass es eine Geschichte hat, die anders verläuft als die Selbst­erzählung der Tradition.

Drei Punkte, die heute noch umstritten sind

Erstens: die Frage des Sonnengrußes. Singleton hat 2010 argumentiert, dass Sūrya Namaskāra in der heute geläufigen Form (mit Vorwärtsbeuge, Plank, Chaturaṅga, hochschauendem Hund, herabschauendem Hund) erst durch Bhawanrao Pant Pratinidhi, einen Maharaja aus Aundh, in den 1920er-Jahren popularisiert wurde, der sie als nationale Fitness-Übung publizierte. Diese These ist im Kern weiterhin akzeptiert. Allerdings hat die jüngere Forschung gezeigt, dass es Vorformen gab — rituelle Verbeugungen zur Sonne, einzelne Asana-Sequenzen in älteren Quellen — die Pratinidhi nicht aus dem Nichts geschöpft hat. Es bleibt aber: die heutige Form ist jung.

Zweitens: die Rolle der westlichen Frauen-Gymnastik. Singleton hat die Verbindungen zwischen Indra Devis Lehre, der zentraleuropäischen Frauen-Gymnastik (Mensendieck, Bess Bes ist hier ein zentrales Stichwort) und der Mysore-Yoga-Tradition skizziert. Spätere Arbeiten — vor allem Foxen — haben gezeigt, dass diese Verbindungen tiefer und vielfältiger sind, als Singleton anfangs vermutete. Yoga im 20. Jahrhundert ist eine deutlich „weiblichere” Geschichte, als die männlichen Lehrer-Lineagen vermuten lassen.

Drittens: die Frage des Nationalismus. Singletons Verbindung von Yoga und indischem Nationalismus war 2010 mutig formuliert, und sie ist heute mehrfach präzisiert worden. Die Verbindung von Yoga zur Hindutva-Bewegung — also der rechtsgerichteten Hindu-nationalistischen Strömung, die in Indien heute regierend ist — ist eine weitere Schicht, die in den 2010er-Jahren akademisch aufgearbeitet wurde, etwa von Sonia Suchday und anderen. Yoga ist im heutigen Indien auch ein politisches Symbol — der „International Day of Yoga”, 2014 von Narendra Modi initiiert, ist nicht religiös neutral. Diese politische Dimension ist in der westlichen Yoga-Welt häufig unsichtbar.

Was das für die heutige Praxis bedeutet

Hier wird das Buch praktisch.

Erstens, sagt Singleton implizit, ist die Behauptung „Yoga ist 5000 Jahre alt” falsch. Sie ist eine Marketing-Formel, kein historischer Befund. Was 5000 Jahre alt ist, sind einige der Texte und Vorstellungswelten, aus denen Yoga schöpft. Was als Posture-Praxis im westlichen Studio stattfindet, ist ungefähr 100 Jahre alt.

Zweitens, hat die Praxis eine Geschichte, die wir kennen sollten. Wer eine Asana macht — etwa Trikoṇāsana, das Dreieck — sollte wissen, dass diese Haltung in dieser Form vermutlich in den 1920er-Jahren in Mysore standardisiert wurde, dass Krishnamacharya sie wahrscheinlich aus einer Verbindung von Wrestling-Übungen und Hatha-Material entwickelt hat, dass sie später durch Iyengar in ihrer heutigen Präzision kodifiziert wurde. Das macht die Haltung nicht weniger wertvoll. Es macht sie historisch.

Drittens, sollte die Praxis ihre Adaptionen offen reflektieren. Wenn wir im westlichen Studio Sanskrit-Namen verwenden, ohne das System der Sanskrit-Aussprache zu lernen — wenn wir Oṃ singen, ohne die Māṇḍūkya-Upaniṣad zu kennen, in der der Klang ausführlich theoretisiert wird — wenn wir „Namaste” als Verabschiedung verwenden, was im indischen Alltag in dieser Form nicht üblich ist — dann tun wir Dinge, die eine Form von kultureller Aneignung sind. Singleton würde das nicht als Skandal bezeichnen. Aber er würde darauf bestehen, dass wir wissen, was wir tun.

Eine Begegnung am Rand

Es gibt eine Stelle im Buch — Seite 175, in der gebundenen Ausgabe — an der Singleton von einem Besuch beim damals achtzigjährigen Pattabhi Jois berichtet. Jois soll auf die Frage, wo die Ashtanga-Sequenzen herkommen, geantwortet haben: „From the Yoga Korunta”, einem Manuskript, das angeblich Krishnamacharya in einer Bibliothek in Kalkutta gefunden habe. Das Yoga Korunta existiert in keiner zugänglichen Bibliothek der Welt. Es ist, vorsichtig formuliert, ein nicht-überprüfbarer Text. Singleton kommentiert das diplomatisch, aber unmissverständlich: Die Herkunfts­erzählung der Ashtanga-Tradition stützt sich auf eine Quelle, die niemand außer den unmittelbaren Schüler:innen Krishnamacharyas je gesehen hat.

Das ist ein typischer Singleton-Moment: nicht spöttisch, nicht enttarnend, sondern still feststellend. Die Yoga-Tradition operiert mit Erzählungen, die Geltung beanspruchen, ohne immer überprüfbar zu sein. Das ist nicht eine Schwäche dieser Tradition. Es ist ein Strukturmerkmal religiöser und philosophischer Lineagen weltweit. Aber wer im 21. Jahrhundert eine reflektierte Praxis sucht, muss mit dieser Doppeligkeit leben können.

Was bleibt

Yoga Body ist heute kein abschließendes Buch mehr — es ist ein zentrales Buch in einem wachsenden Forschungsfeld. Wer es heute zum ersten Mal liest, sollte es zusammen mit Roots of Yoga (Singleton/Mallinson 2017) und mit Newcombes und Foxens Arbeiten lesen. Die Kernthese hält. Die Details sind in Bewegung.

Was bleibt, ist eine Haltung der historischen Ehrlichkeit. Yoga, wie wir es heute praktizieren, ist ein junges, schönes, hybrides Phänomen, das sich nicht selbst als jung und hybrid versteht. Das ist eine Spannung, die jede:r Praktizierende:r aushalten kann oder nicht. Wer sie aushält, übt mit einem größeren historischen Bewusstsein. Wer sie nicht aushält, übt nicht weniger gut, aber mit weniger Aufklärung.

Das Buch — ich nehme es nach diesem Re-reading wieder ins Regal zurück, dorthin, wo die Yoga-Sachbücher stehen, neben Iyengars Light on Yoga und Bryants Sutra-Kommentar. Es passt gut dort. Vielleicht ist das, am Ende, der präziseste Ort, den ein gutes Sachbuch haben kann: Es steht neben den klassischen Werken, ohne sie zu verdrängen, und korrigiert sie diskret, von der Seite.


Ressort: Bibliothek