Heft I · Mai 2026

HALTUNG Magazin für Yoga, Bewegung und Praxis
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Stile · 13 min

Block und Gurt versus Mysore-Sequenz — eine Woche zwischen Iyengar und Ashtanga

Sieben Tage, zwei Studios, zwei Schulen. Was leistet Iyengar mit Hilfsmitteln, was leistet Ashtanga mit fester Sequenz — und was zahlen wir dafür?

Korkblock, gefalteter Baumwollgurt und eine gerollte Yogamatte auf einem hellen Studioboden im seitlichen Morgenlicht.
— Korkblock, gefalteter Baumwollgurt und eine gerollte Yogamatte auf einem hellen Studioboden im seitlichen Morgenlicht. —

Eine Woche lang, jeden Morgen zur selben Uhrzeit, in zwei verschiedenen Studios derselben Stadt — montags Iyengar, dienstags Ashtanga, mittwochs Iyengar, donnerstags Ashtanga, und so fort. Das war der Versuchsaufbau. Die Stadt ist mittelgroß, hat einen durchschnittlich entwickelten Yoga-Markt, und die beiden Studios liegen vierzehn Minuten Fahrrad-Entfernung voneinander. Ich nenne sie hier Studio Nord und Studio Süd, beide Namen sind verändert, beide Studios sind real.

Was ich wissen wollte: Wie unterscheiden sich die beiden Schulen wirklich, wenn man sie nicht aus der Literatur, sondern aus der Praxis vergleicht? Und vor allem: Was kostet welcher Stil — körperlich, zeitlich, mental?

Erster Tag — Iyengar, Studio Nord

Die Anweisung der Lehrenden — Carla, Mitte fünfzig, seit zweiundzwanzig Jahren zertifizierte Iyengar-Lehrerin, Ausbildung in Pune und München — ist präzise und nicht verhandelbar. Wir stehen in Tāḍāsana, der Berghaltung, die in Iyengar-Klassen meist die Anfangsposition ist, und Carla geht durch den Raum und korrigiert. Eine Teilnehmerin in der zweiten Reihe bekommt einen Block unter den Fuß, weil ein Bein leicht kürzer ist als das andere. Mir korrigiert sie das Becken — leicht nach hinten kippen, das Steißbein hineinziehen, ohne den unteren Rücken zu runden.

Das ist Iyengar, wie B. K. S. Iyengar (1918–2014) ihn in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts kodifiziert hat: Asana als Architektur. Jede Haltung wird in ihre Bestandteile zerlegt, jeder Bestandteil wird justiert. Das Studio ist entsprechend ausgestattet — eine Wand voller Holzblöcke, Gurten, Decken, Bolster, eine Sprossenwand (im Iyengar-Vokabular yoga ropes oder yoga wall), an der Rückbeugen und Vorbeugen mit Zugunterstützung geübt werden.

In dieser ersten Stunde halten wir Trikoṇāsana — die Dreieckshaltung — vier Minuten. Vier Minuten sind sehr lang. Ich bin nach zwei Minuten dankbar für den Block unter der Hand (Iyengar-Klassiker: Wer die Hand nicht auf den Boden bringen kann, ohne den Brustkorb zu kollabieren, stellt sie auf einen Block), nach drei Minuten beginnt mein hinteres Bein zu zittern, nach vier Minuten lasse ich erleichtert los und merke, dass ich in dieser einen Haltung mehr über meine eigene Anatomie gelernt habe als in den letzten sechs Monaten freier Praxis.

Carla sagt am Ende der Stunde: „Es geht nicht darum, wie weit ihr in die Haltung kommt. Es geht darum, was ihr in ihr versteht.” Das ist eine Iyengar-Formulierung, fast wörtlich aus Light on Yoga.

Zweiter Tag — Ashtanga, Studio Süd

Sechs Uhr morgens. Studio Süd ist ein hoher, weißer Raum mit Holzboden und einer kleinen Statue Patañjalis in der Ecke. Die Klasse ist eine Mysore-Klasse — das heißt: keine geführte Stunde, sondern individuelle Praxis, jede:r geht durch die feste Sequenz in eigenem Tempo, die Lehrende geht durch den Raum und korrigiert.

Die Lehrende heißt David, Mitte vierzig, mehrfach in Mysore (Karnataka) bei der heutigen Generation der Familie Jois ausgebildet, autorisiert über die institutionellen Strukturen der Ashtanga-Lineage. Ashtanga in dieser Linie geht zurück auf K. Pattabhi Jois (1915–2009), dessen biographische und ethische Aufarbeitung seit etwa zehn Jahren auch in der internationalen Ashtanga-Community geführt wird — das gehört zu dieser Schule mit dazu, und David spricht es im kurzen Gespräch nach der Stunde von sich aus an.

Die Mysore-Praxis beginnt mit Sūrya Namaskāra A und B, dann gehen die Asanas der ersten Serie, Yoga Chikitsā, durch. Wer noch keine Sonnengrüße sauber kann, übt zunächst nur diese — über Wochen. Wer den Standsequenz-Teil beherrscht, geht eine Haltung weiter, mit Erlaubnis der Lehrenden. Das ist das Prinzip: progressive Sequenz, jede Haltung wird beherrscht, bevor die nächste hinzukommt.

Mein eigener Stand: Ich kenne die ersten zwölf Asanas der ersten Serie und bekomme an diesem Morgen die erste neue Haltung dazu — Janu Śīrṣāsana A, eine sitzende Vorbeuge mit angewinkeltem Bein. David assistiert, ich rieche das Eukalyptusöl, das er offenbar auf den Händen hat (Mysore-Tradition; in vielen Studios üblich), und nach der dritten Atemzug-Sequenz in der Haltung — fünf Atemzüge, Ujjayi-Atem, was ein leichtes Rauschen im Hals erzeugt — gehe ich zur nächsten Haltung weiter.

Die Stunde dauert nominell neunzig Minuten, ich brauche siebzig. Niemand sieht mir zu, außer David. Niemand vergleicht sich. Es ist still, abgesehen vom Atemgeräusch der zehn anderen Praktizierenden.

Was beide Schulen leisten

Beide Schulen gehen auf denselben Lehrer zurück — T. Krishnamacharya (1888–1989), Mysore Palace, erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Iyengar und Jois waren beide seine Schüler, und ihre Wege sind danach radikal divergiert. Krishnamacharya selbst hat in seinem späteren Werk — etwa Yoga Makaranda — einen weiteren Stil entwickelt, der sich vom Iyengar- wie vom Ashtanga-Strang unterscheidet. Das ist eine wichtige Erinnerung: Was wir im Westen heute als „klassische” Yoga-Lineage erleben, ist im Wesentlichen aus den dreißiger bis sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Älter ist die textliche Tradition, jünger ist die Studio-Praxis, wie wir sie kennen. Mark Singleton hat dazu ausführlich gearbeitet — wir besprechen sein Buch in der Bibliothek dieses Heftes.

Zur Sache. Iyengar leistet, in einer Woche täglicher Praxis sichtbar:

  • Anatomische Präzision. Wer noch nie eine Iyengar-Stunde besucht hat, weiß nicht, wie viele Mikro-Justierungen in einer einzigen Asana möglich sind. Eine Adho Mukha Śvānāsana (herabschauender Hund) bei Carla hatte sechs Korrekturanweisungen — Handflächen, Schultern, Hüftknochen, Knie, Fersen, Atem — und keine davon war redundant.
  • Verletzungs-Konservativität. Hilfsmittel sind keine Krücken, sie sind die Methode. Wer einen steifen Rücken hat, geht in die Vorbeuge mit Gurt, nicht ohne. Das verschiebt den Fokus weg von „Wie tief komme ich” hin zu „Was tue ich da gerade strukturell”.
  • Lehrbarkeit. Iyengar lässt sich verbal vermitteln. Eine gute Iyengar-Lehrende kann in einer Klasse mit fünfzehn Menschen jede:n einzeln adressieren. Das ist methodisch klar, fast pädagogisch.

Ashtanga leistet, ebenfalls in einer Woche sichtbar:

  • Rhythmus und Atem. Vinyāsa, die Verbindung von Bewegung und Atem in einer festen Synchronisation, ist in der Mysore-Praxis nicht eine Methode — sie ist das ganze System. Nach drei Tagen merke ich, dass mein Atem die Bewegung führt, nicht umgekehrt.
  • Wiederholung als Erkenntnis. Dieselbe Sequenz, jeden Tag, ohne Variation. Das klingt nach Eintönigkeit und ist es nicht. Was sich in der Wiederholung zeigt, ist die Veränderung des eigenen Körpers über Tage hinweg — und das ist eine andere Erkenntnis als die der einzelnen Stunde.
  • Selbstverantwortung. Niemand führt durch die Klasse. Wer nicht weiß, was als Nächstes kommt, muss es lernen. Wer den Atem verliert, muss neu beginnen. Das ist eine Form von Autonomie, die in vielen geführten Yoga-Stunden nicht vorkommt.

Was beide Schulen kosten

Auch hier ehrlich.

Iyengar kostet Geduld. Wer aus einem Vinyasa-Flow kommt und Iyengar zum ersten Mal probiert, empfindet die Stunde häufig als zu langsam. Vier Minuten Trikoṇāsana ist eine lange Zeit, wenn man gewohnt ist, in dreißig Sekunden weiterzugehen. Iyengar kostet außerdem Hilfsmittel — wer zu Hause üben will, braucht Block, Gurt, Decke, idealerweise eine Wand mit Halterung. Iyengar kostet ferner die Bereitschaft, korrigiert zu werden. Wer es nicht mag, dass eine Lehrende sich neben einen kniet und das Becken zurechtschiebt, wird in einer Iyengar-Klasse unglücklich.

Ashtanga kostet körperlich. Die erste Serie ist anspruchsvoller als sie aussieht — viele Vorbeugen, viele Schulterstützen, Sūrya Namaskāra als Hauptbewegung. Ich war nach drei Tagen in der Schulter rechts verspannt, nach fünf Tagen in den Handgelenken (zu viele Chaturaṅgas zu schnell). Das ist ein bekanntes Verletzungs­muster — Schulter, Hüfte, unteres Rückenkreuz — und es lässt sich nur durch Modifikation und durch Geduld vermeiden. David hat das mehrfach angesprochen, ohne dass ich gefragt hatte; das ist gutes Lehren. Ashtanga kostet außerdem Ritualtreue — Mysore-Praxis am Morgen, sechs Tage die Woche, Monatszyklus-Pausen für Frauen (traditionell, heute zunehmend kritisch reflektiert) — was nicht in jede Lebensführung passt.

Die Frage nach der Wahl

Eine Woche ist zu kurz, um ein Urteil zu fällen, aber lang genug für ein paar Beobachtungen.

Wenn ich heute Abend, sieben Tage nach Beginn, ehrlich antworten müsste, welcher Stil mir mehr gebracht hat: Iyengar hat mich anatomisch klüger gemacht. Ich habe in den Iyengar-Stunden Dinge über meine eigene Hüfte gelernt, die ich nach Jahren freier Vinyasa-Praxis nicht wusste. Ashtanga hat mich atmungstechnisch klüger gemacht — was Ujjayi-Atem unter Belastung tut, wie sich ein zwölf-minütiger Sonnengruß-Block anfühlt, wenn man ihn am sechsten Tag in Folge übt.

Was nicht stimmt — eine These, die in westlicher Yoga-Literatur gelegentlich zu lesen ist: dass Iyengar der „statische” und Ashtanga der „dynamische” Stil sei. Iyengar ist nicht statisch, er hat nur längere Asana-Halte. Ashtanga ist nicht beliebig dynamisch, er hat ein festes Repertoire. Es sind verschiedene Antworten auf dieselbe Frage: Wie wird ein:e Übende:r zwischen Atem und Haltung kompetent. Sie sind kompatibel, sie sind nicht austauschbar.

Was beide gemeinsam haben — und worin sich beide deutlich von der dominanten westlichen Studio-Praxis unterscheiden — ist die Ablehnung der freien Improvisation. Es gibt eine Form. Die Form ist alt. Die Form wird gelernt, nicht erfunden. Wer in dieser Frage etwas Wahres findet, wird in beiden Schulen weiter studieren wollen. Wer sich an der Form stößt, sollte vielleicht woanders üben.

Ich werde wahrscheinlich morgen wieder zu Carla gehen.


Ressort: Stile